

Alles sprach für mich dafür, in dieses unbekannte und gefährliche Unternehmen einzusteigen, also gab ich ihr eine Schuhschachtel und zeigte ihr meine zahlreichen Materialkisten. Sie begann zielstrebig, ein Kinderzimmer darin einzurichten. Dann meldete sie sich für kurze Zeit ab, um eine kleine Puppe für ihr „Zimmer“ zu kaufen um diese einzubauen. Als ich später wieder an ihrem Platz stand, kam ich gerade zur rechten Zeit. Sie gestand mir: „Meine Kindheit war eine grosse Katastrophe! Ich durfte nicht wütend sein! Endlich will ich böse sein dürfen, etwas Unangemessenes tun dürfen, ohne den dauernd erwarteten Liebesentzug zu riskieren!“
Als Prozessarbeiterin gehe ich davon aus, dass es zentral ist, diese gewaltige Energie nicht zu glätten oder vorzeitig zu kanalisieren, das hätte die Zweifel an ihren eigenen Gefühlen, ihrer Wahrnehmung – und damit ihre eigentliche Verletzung nur wiederholt. Was auch immer in diesem Kinderzimmer geschehen war, Frau A. musste unterstützt werden, das, was sie empfand auszudrücken, auf die adäquateste Weise. Sie riss schliesslich Arme und Beine der Puppe ab, zerstückelte sie, bis nur noch Fragmente übrig blieben: Dieses Kind durfte nicht „ganz“ sein!
Sie richtete grossen Schaden an, bis sich das „Mahnmal-Zimmer“ richtig anfühlte und sie erleichtert davon ablassen konnte. Da ihre zentrale Verletzung auf der Beziehungsebene erfolgte, ist es wichtig, diesen Vorgang mitzutragen. Es braucht dafür Zeugen,die mit ihr in diese Unterwelt absteigen, die den Vorgang aber nicht bewerten. Herauszufinden, was in ihrer Kindheit wirklich geschah, steht für mich bei dieser Begleitung nicht im Zentrum. Vielmehr gilt es, ihr Raum für eine „wütende Tat“ zu geben. Frau A’ s Vertrauen zu mir und das schützende Gefäss dieser Gruppe erlaubten ihr, in diesem Schachtel-Kinderzimmer ihre ganz private Katastrophe zu veranstalten (Abb. 4). Sie durfte der Gruppe anschliessend soviel von ihrem Prozess zeigen, wie sie wollte. Wir waren alle tief betroffen, schwiegen gemeinsam und betrauerten das arme Kind...
Das Heilsame an diesem Setting war für Frau A., dass „es so sein durfte, wie es war, dass keine Rechtfertigung ihrerseits nötig war“. Noch immer sei zwar Gefährliches in diesem „Loch“ sagt sie heute, sie nimmt aber eine neue Vehemenz an sich wahr, „nein zu sagen“, körperlich mehr Raum einzunehmen, mehr auf der Erde anzukommen...
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